Zu Gast im Doppelpass sind diesmal zwei Personen, die keine Tore schießen und auch nie zum besten Spieler des Spiels gewählt werden. Eine gute Leistung bescheinigt man ihnen eher dann, wenn kaum jemand über sie redet. Für den Ablauf eines Fußballspiels sind sie jedoch elementar wichtig. Der VfL-Doppelpass begrüßt Florian Marquardt und Mario Gerdes, Schiedsrichter beim SV Dohren und beim VfL Herzlake.

Hallo Jungs! Aufgrund der Corona-Pandemie hatten zahlreiche Fußballer in den letzten Wochen zwangsweise viele freie Wochenenden. Doch auch ihr konntet eurem Hobby, der Schiedsrichterei nicht so nachgehen wie geplant. Wie habt ihr die vielen freien Tage verbracht, an denen ihr eigentlich auf dem Platz gestanden hättet?
F.M.:  Man sollte vielleicht dazu sagen, dass wir ja nicht nur auf dem Platz stehen und Spiele leiten, sondern auch einer Arbeit nachgehen oder als Schiedsrichter Fortbildungen besuchen, die natürlich aufgrund von Corona ausgefallen sind. Natürlich ist man dann mehr zu Hause und versucht sich eigenständig fit zu halten, auch wenn es etwas anderes ist als regelmäßig Spiele zu leiten oder eben selber auch als Fußballspieler zu trainieren. Aber meiner Arbeit konnte ich soweit noch nachgehen, sodass ich nicht den ganzen Tag zu Hause sitze.

M.G.: Ich denke, dass ich mich dem im Großen und Ganzen schon anschließen kann. Die letzten freien Wochen waren bei mir geprägt von Prüfungsvorbereitungen für den Abschluss meines Referendariats. Diese ruhigere Zeit konnte ich daher sehr gut nutzen, wobei jetzt die Vorfreude und die Hoffnung auf eine hoffentlich möglichst bald startende Saison umso größer ist. Um mich fit zu halten und den Kopf freizubekommen bin ich auch gerne laufen gegangen.

Im Herzlaker Raum seid ihr beide sicherlich bekannt. Aber seit wann seid ihr eigentlich Schiedsrichter; was hat euch dazu bewogen, den Schirischein zu machen und in welchen Ligen seid ihr aktiv?
M.G.  Ich bin Schiedsrichter seit Februar 2016. Ich wollte gerne am aktiven Spielgeschehen teilhaben,  konnte dies wegen einer Kreuzbandverletzung aber nicht mehr als Spieler, sodass der Schritt an die Pfeife der naheliegendste war. Außerdem bestand bereits ein Grundinteresse am „Job“ als Schiedsrichter. Hauptsächlich pfeife ich Herren bis zur Möbel Wilken Kreisliga, außerdem bin ich im Damen- und Jugendbereich ebenfalls auf Kreisebene aktiv. Ab und zu kommen dort noch Einsätze auf Bezirksebene dazu.

F.M.: Ich hab meine Prüfung im Juli 2016 abgelegt und mit der Schiedsrichterei angefangen, weil ich selbst mit den Schiedsrichterleistungen in Spielen, in denen ich selber gespielt habe, nicht zufrieden war und es dann selber besser machen wollte. Aktuell pfeife ich selbst auch in der Möbel Wilken Kreisliga. Dazu kommen Einsätze im Jugendbereich bis zur Bezirks- und teilweise Landesliga; im Damenbereich bis zur Landesliga und als Assistent in der Bezirksliga der Herren sowie in der Junioren-Regionalliga.

Als Fußballer kann man Meisterschaften oder Pokalsiege feiern. Das ist euch Schiedsrichtern nicht möglich. Was war euer größter Erfolg? Was war euer eindrucksvollstes Erlebnis?

M.G.: Am letzten Spieltag das entscheidende Aufstiegsspiel pfeifen zu dürfen ist schon etwas ganz Besonderes. Das durfte ich vor zwei Jahren machen. Besonders eindrucksvoll war die Kulisse von ca. 700 Zuschauern. Diese hat sich auch in einem umkämpften Spiel widergespiegelt, welches die Heimmannschaft für sich entschieden und damit auch den Aufstieg erreicht hat. In diesem Spiel verwies ich zwei Spieler mit der roten Karte des Feldes und wurde zudem noch von einem Schiedsrichterbeobachter gesichtet und nach dem Spiel beurteilt.

F.M.: Ich durfte vor etwa einem Jahr das Kreispokalfinale der A-Jugend pfeifen. Auch hier war die Kulisse überwältigend, auch wenn es bestimmt keine 700 Zuschauer waren. Allerdings merkt man, wie sich die Emotionen auch auf den Platz übertragen und für einen besonderen Adrenalinstoß sorgen. Ansonsten ist für mich jeder Aufstieg in eine höhere Liga ein Erfolg und jedes Spiel bei dem einem von beiden Seiten eine gute, oder auch eine sehr gute Leistung bescheinigt wird.

Leider sind Schiedsrichter häufig auch verbalen oder körperlichen Aggressionen ausgesetzt. Welche extremen Situationen gab es in eurer bisherigen Schiedsrichterkarriere? Gab es Momente, in denen ihr überlegt habt, eure Tätigkeit zu beenden?

F.M. / M.G.: Wir verfolgen natürlich die Vorfälle gegenüber Schiedsrichtern in Amateurklassen. Dass Aktionen wie Drohungen oder Schläge ein absolutes No-Go sind, sollte eigentlich jedem klar sein, allerdings sind wir selbst noch keine Opfer von solchen Übergriffen geworden oder haben von welchen in unseren Klassen erfahren. Jedem Schiedsrichter sollte bewusst sein, dass Emotionen von Zuschauern, Spielern oder Verantwortlichen zum Spiel dazu gehören. Die Kunst dahinter ist es, mit diesen Emotionen umzugehen und trotzdem Ruhe auszustrahlen um die Gemüter zu beruhigen.  Es gab für uns aber noch keinen Moment, in dem wir daran gedacht haben, die Schiedsrichterei aufzugeben.

Wie würdet ihr euren Stil beim Pfeifen beschreiben? Eher strenger Diktator oder lockerer Spielleiter? Wie zeigt sich das auf dem Spielfeld?

M.G. : Beide Formulierungen passen nicht so richtig. In der Regel schaue ich mir die ersten Minuten des Spiels an, um die Entwicklung des Spielverlaufs wahrzunehmen und meine Leitung darauf anzupassen. Mit frühen Verwarnungen bin ich eher zurückhaltend, insofern diese nicht zwingend notwendig sind. Ich versuche mir den nötigen Respekt zu verschaffen, indem ich den Spielern eine Richtung vorgebe und dadurch Autorität ausstrahle. Das zeigt sich vor allem dadurch, dass ich gerade kleine Unsportlichkeiten wie z.B. „Ball wegschießen“ schneller ahnde. Damit versuche ich frühzeitig zu verhindern, dass sich die Emotionen hochschaukeln.

 F.M.: Die gute Mischung machts. Ohne Autorität geht das Spiel genauso vor die Hunde, als wenn man das Spiel einfach laufen lässt ohne etwas zu unternehmen. Es gibt aktuell sehr viele verschiedene Spielertypen, auf die man unterschiedlich eingehen muss. Mit einigen kann man auf dem Platz kurz über eine Entscheidung diskutieren, andere verstehen es erst, wenn man ihnen die Karte vor den Kopf hält. Insgesamt ist die Art und Weise des gegenseitigen Umgangs entscheidend. Ich bin selber gerne etwas lockerer im Umgang mit den Spielern, da wir im Endeffekt alle Sportler sind und uns für eine bestimmte Sportart interessieren. Dadurch entsteht oft ein fast freundschaftlicher Umgang mit den Spielern auf dem Feld, der sich auch darin widerspiegelt, dass die Spieler sich gegenseitig beruhigen, oder Vorwürfe bei Vergehen machen, sodass ich weniger Diskussionen habe und Entscheidungen schneller und besser akzeptiert werden.

„Wer Schiedsrichter wird, ist nur zu schlecht, um selber zu spielen.“ Was entgegnet ihr Leuten, die mit solchen Sprüchen um sich werfen?

F.M.: Da haben diejenigen in gewisser Weise bestimmt Recht. Ich möchte da auch nicht drumherum reden, dass ich als Schiedsrichter in höhere Ligen kommen kann, als ich sie selber als Spieler erreichen könnte. Ich meine aber nicht, dass es eine Schande ist Schiedsrichter zu werden, nur weil man nicht der beste Spieler ist. Auch als Schiedsrichter trägt man Verantwortung und muss Leistung bringen, allerdings sind die Maßstäbe für die Leistung und die Verantwortung andere, als die, die einem Spieler gesetzt werden. Was man immer bedenken muss, ist, dass ein Schiedsrichter nur selten Teamkollegen hat, die einem helfen können, Fehler auszubügeln, was ich als Torwart allerdings schon kenne, da Fehler von mir nahezu immer ein Gegentor bedeuten. Daher kann man einen pauschalen Vergleich zwischen Schiedsrichter und Spieler meiner Meinung nach nicht ziehen.

 M. G.: Da fällt mir ganz spontan ein Zitat von einem Kumpel ein: „Du bist Schiedsrichter und Bayern-Fan; das kann doch gar nicht zusammenpassen.“ Ich denke, dass der oben genannte Spruch schon auf mich zutreffen könnte, da ich als Spieler nie besonders talentiert war und selber in höheren Ligen pfeife als ich spielen konnte. Ich bin schon seit Ewigkeiten fußballinteressiert, egal ob als Spieler oder Fan. Die Erwartungen an einen Schiedsrichter definieren sich anders, sind aber keinesfalls niedriger als an einen Spieler. Außerdem hilft es auch einem Schiedsrichter fußballerisches Grundverständnis zu haben, um sich auch besser auf das Spiel einstellen zu können. Dieses Grundverständnis können auch Bayern Fans haben. (lacht)

Seit Jahren rügen Medien die zunehmenden Respektlosigkeiten gegenüber Schiedsrichtern, die häufig unter dem Deckmantel der Emotion verschwinden. Was möchtet ihr Spielern und Trainern speziell für den Jugendbereich mit auf den Weg geben, um zu verhindern, dass Schiedsrichter, die erst kurze Zeit dabei sind, teilweise schnell wieder aufhören? Welche Vorschläge hättet ihr aber auch generell, wie z.B. das Schaffen einer Respektzone um den Schiedsrichter?

M.G. / F.M.: Egal ob Spieler, Trainer oder eben Schiedsrichter…es sind alles Menschen, die auch alle Fehler machen, allerdings können Fehler von Schiedsrichtern deutlich schneller auffallen, da ein Schiedsrichter im Verhältnis zu Spielern viel mehr, teilweise spielentscheidende, Entscheidungen treffen als Spieler. Durch Fehler von Schiedsrichtern entstehen Aggressionen, die häufig von vielen Personen gegen eine Person gerichtet werden. Der Umgang mit diesen Aggressionen ist allerdings eine Sache der Übung und auch von der Persönlichkeit des Schiedsrichters abhängig. Gerade als junger Schiedsrichter kann es schwer sein, damit umzugehen. Der Slogan „Das ist nicht die Bundesliga“ hat unserer Meinung nach Daseinsberechtigung, da sich jeder Spieler, Trainer und auch Schiedsrichter bewusst sein muss, dass jeder seinem Hobby nachgeht. Durch Aggressionen und gegenseitiges respektloses Verhalten macht man sich dieses gegenseitig kaputt. Aktuell werden Jungschiedsrichtern erfahrenere Schiedsrichter zur Seite gestellt, um Feedback zu geben und die Entwicklung zu fördern. Der Respekt gerade von Trainern oder Eltern bei Jugendspielen muss unserer Meinung nach zunehmen, damit auch Jungschiedsrichtern die Freude an dem Hobby erhalten bleibt.

Abschließend habt ihr die Möglichkeit, Werbung für den Schiedsrichtersport zu machen. Warum sollten auch zukünftig viele Jungs und Mädchen einen Schiedsrichterschein machen?

M.G. / F.M.: Einen Schiedsrichterschein kann jeder machen! Es entstehen keine Kosten für dieAusbildung. Wichtig ist nur die Mitgliedschaft in einem Verein und dass man mindestens 14 Jahre alt ist. Aber es ist egal, ob man nun 15, 30 oder 50 Jahre alt ist, die Schiedsrichterei bietet einen fantastischen Ausgleich vom Alltag und bringt einen mit vielen verschiedenen Menschentypen in Verbindung. Außerdem hat man die Möglichkeit sich richtig auszupowern und in Bewegung zu sein.  Dieses Hobby bietet ebenfalls einen finanziellen Anreiz, welcher aber nicht an erster Stelle stehen sollte. Den Spaß und die Freude am Fußballsport mit verschiedensten Menschen, auch aus unterschiedlichsten Kulturen, zu teilen, macht jedes Spiel zu etwas Besonderem. Auch für aktive Spieler ist dieser Perspektivwechsel sehr interessant. Wenn ihr Fragen oder Interesse an der Schiedsrichterei habt, sprecht uns gerne an.

Vielen Dank für das Gespräch. Hoffentlich sehen wir uns bald bei den ersten Testspielen wieder auf dem Platz.